Ingrid Strassmann

Schuldenberaterin Fachstelle für Schuldenfragen Luzern


Unsere Klienten nehmen erstaunlich spät mit uns Kontakt auf. Meistens sind sie bereits 5, 10 Jahre oder noch länger verschuldet - Schuldsummen von Fr. 60'000 oder Fr. 90'000 sind für uns keine Seltenheit.

Ingrid Strassmann

Mails checken und den Tagesablauf auf dem Kalender durchgehen - so starte ich, wie wohl die meisten Personen, in meinen Arbeitstag. Meine Aufgabe als Schuldenberaterin ist, bei prekären Verschuldungen zusammen mit den Klienten, Lösungen zu finden.

Welche Personen zu uns kommen? Ich würde sagen, der Klassiker ist männlich, zwischen 35 und 50 Jahre alt und er arbeitet in einem Angestelltenverhältnis. Oft spielen Krankheit, Unfall oder ein Trennung eine zentrale Rolle in der Lebensgeschichte.

Unsere Klienten nehmen erstaunlich spät mit uns Kontakt auf. Meistens sind sie bereits 5, 10 Jahre oder noch länger verschuldet - Schuldsummen von Fr. 60'000 oder Fr. 90'000 sind für uns keine Seltenheit.
Für die Leute bedeutet der Gang zur Fachstelle dementsprechend einen riesigen Schritt. Der Gedanke, im Leben versagt zu haben, liegt nahe. Ich versuche, die Leistungen der Klienten zu würdigen. Manchmal staune ich, mit wie wenig Geld sie leben konnten.

Die Fachstelle für Schuldenfragen Luzern ist jeweils am Vormittag zwischen 9 Uhr und 12 Uhr telefonisch erreichbar. Im Team haben wir den Telefondienst aufgeteilt. Heute war ich an der Reihe. Dabei hatte ich nur zwei Anfragen, so dass ich mich parallel auf meine Gespräche am Nachmittag vorbereiten konnte.

Am Nachmittag bleibt Zeit für zwei Gespräche mit Klienten. Ohne Telefondienst kann es also sein, dass ich an einem Tag bis zu drei Gespräche führe. Diese dauern in der Regel etwas länger als eine Stunde, wobei die Vor- und Nachbereitung sehr zeitintensiv sind.

Wir fordern unsere Klienten bei der Anmeldung auf, im Hinblick auf das erste Treffen unser Anmeldeformular auszufüllen, ein Budget zu erstellen und eine Schuldenliste zusammenzustellen.

Wir sind bemüht, auch Gespräche zu Randzeiten anbieten zu können. Es kann sein, dass ich meinen Mittag zeitlich etwas schiebe oder später nach Hause gehe - meistens mache ich sowieso nur eine kurze Mittagspause auf unserer Terrasse.

Heute traf ich Herr Meier um halb 1 Uhr. Zu Beginn des Gesprächs frage ich immer nach, wie es erstmals zu Schulden gekommen ist. Die erste Verschuldung, ein Autokauf auf Kredit, liegt bei Herrn Meier bereits 12 Jahre zurück. Eine Lohnerhöhung aufgrund eines Jobwechsels ermöglichte ihm damals die Rückzahlung. Kurz danach haben sich die Schulden erneut angehäuft. Auf der Liste, die er mir heute gezeigt hat, sind 12 Gläubiger notiert - von Krankenkasse über Privatpersonen und Kreditbanken bis hin zum Steueramt. Die geschuldeten Beträge summieren sich auf Fr. 80'000.

Das Haushaltsbudget, welches Herr Meier ebenfalls recht sorgfältig zusammengestellt hat, stimmte mich hingegen optimistisch. Herr Meier verfügt zumindest theoretisch über einen Budgetüberschuss. Unrealistisch ist aber, dass Herr Meier seine Gesamtschulden abzahlen kann. Wir müssen also mit den Gläubigern über die Höhe der Rückzahlung verhandeln. Manchmal kann eine Einigung nur vor Gericht erzielt werden. Ich denke nicht, dass dieser Schritt bei Herrn Meier notwendig ist. Wenn alles gut läuft, erhält er die Möglichkeit, seine Schulden in monatlichen Ratenzahlungen bis zu einem ausgehandelten Betrag zurückzuzahlen. Wir nennen diesen Prozess Sanierung.

Eine Sanierung verlangt von unseren Klienten einiges ab. Vielen ist nicht bewusst, dass sie auf vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie Auto oder Ferien verzichten müssen. Die Gläubiger würden es nicht akzeptieren, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, während sich der Schuldner einen Strandurlaub gönnt. Hart wird es, wenn plötzlich Auslagen für Kinder, wie Sportlager, nicht mehr drin liegen. Punktuell stellen wir in solchen Fällen Gesuche an Stiftungen, die - auf Basis einer bewährten Zusammenarbeit - vielfach Auslagen übernehmen, die den Kindern zugutekommen.
Einigen erscheint der Verzicht zu hoch; sie verfolgen die Schuldsanierung nicht weiter und kommen eventuell ein paar Jahre später mit neuen Vorsätzen wieder zu uns. Herr Meier aber möchte dranbleiben.

Herr Meier muss nun, inklusive Vorlaufzeit, mit einer Zeitspanne von rund vier Jahren rechnen bis er wieder schuldenfrei ist. Die Ernsthaftigkeit, die Herr Meier zeigt und die Vorarbeit, die er selbstständig bereits geleistet hat, stimmen mich zuversichtlich. Meine Erfahrung ist, wenn eine Sanierung zustande kommt, dann halten es die Leute auch durch.

Ich arbeite nun seit sieben Jahren bei der Fachstelle für Schuldenfragen Luzern. Früher haben mich besonders schwierige Fälle nach Feierabend beschäftigt. Mit der Zeit ist es besser geworden. Heute kann ich eine gute Distanz wahren. Aber abgebrüht? Nein, das bin ich nicht. Ich suche einfach einen möglichst natürlichen Umgang.

Meine Arbeitstage sind intensiv und meistens geht die Zeit schnell vorbei. Die Vielseitigkeit an meiner Arbeit schätze ich sehr. Gespräche mit Klienten sind grundverschieden von den Verhandlungen mit Gläubigern. Auch die Hintergrundarbeit finde ich sehr spannend. Ein Highlight ist für mich, wenn Gläubiger einer Sanierung zustimmen. Und richtig schön ist es, wenn nach drei oder vier Jahren, in denen die Schuldner streng nach Sanierungsbudget gelebt haben, eine Sanierung abgeschlossen werden kann und ein Mensch in eine schuldenfreie Zukunft startet.


Gespräch und Bild Michael Wicki

Kontakt

Fachstelle für Schuldenfragen
Töpferstrasse 5
6004 Luzern
T 041 211 00 18

www.lu.schulden.ch

Geschäftsleitung: Barbara Bracher